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VL: Einführung in die Soziologie – WS 2008/09 Dr. Sabina Enzelberger

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VL: Einführung in die Soziologie – WS 2008/09 Dr. Sabina Enzelberger

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  1. VL: Einführung in die Soziologie – WS 2008/09 Dr. Sabina Enzelberger I. Einführung in Entstehung und Arbeitsbereiche der Soziologie II. Vorlesungsplan und -organisation

  2. WAS IST SOZIOLOGIE? Einführung in Entstehung und Arbeitsbereiche der Soziologie WS 2008/09 Dr. Sabina Enzelberger Institut für Soziologie

  3. WAS IST SOZIOLOGIE? • Begriff • Gegenstände der Soziologie • Entstehungshintergründe • Methoden • (Theorien • Systematik: Allgemeine und Spezielle Soziologie)

  4. 1. DER BEGRIFF „SOZIOLOGIE" „Etymologischer Bastard", zusammengesetzt aus socius (lat. der Gefährte, i. w. S: Mit-mensch) und logos (gr. Vernunft, Wahrheit, i. w. S.: Wissenschaft). "Wissenschaft vom Zusammenleben von Menschen".

  5. 2. WOMIT BEFASST SICH DIE SOZIOLOGIE? Im wissenschaftlichen Bereich existie-ren sehr verschiedene Definitionen!

  6. AUGUSTE COMTE (1798-1857) • Einführung des Wortes "Soziologie" 1838 • Soziale Wirklichkeit erforschbar nach • Vorbild der Physik http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f4/Auguste_Comte2.jpg

  7. AUGUSTE COMTE (1798-1857) Die 'soziale' Wirklichkeit als Gegenstandsbereich besonderer Art: das Zusammenleben und Zusammenhandeln der Menschen sowie die Effekte und Ergebnisse, die aus diesem Zusammenleben und Zusammenhandeln hervorgehen (Organisationen wie Schule, Universität, Familie bis hin zur Gesamtgesellschaft).

  8. AUGUSTE COMTE (1798-1857) Soziologie als neue Wissenschaftsdisziplin, die sich – nach Vorbild der Naturwissenschaften ­ empirisch mit der erfahrbarensozialen Wirklichkeit befasst.

  9. AUGUSTE COMTE (1798-1857) Abgrenzung der Soziologie von der Philosophie: Philosophie: Ideen von Institutionen oder Typen von Gesell-schaften, Schaffung einer Ethik des Zusammenlebens von Menschen, Sinn des Lebens Soziologie: konkrete, real existierende und erfahrbare materielle institutionelle und gesellschaftliche Phänomene und Entwick-lungen, deren Strukturen und Prozesse, konkret erlebbares Verhalten von Menschen.

  10. AUGUSTE COMTE (1798-1857) Sie will diese soziale Wirklichkeit ursächlich erklären und sie dann mit Hilfe des gewonnenen Wissens eventuell im Interesse einer besseren gesellschaftlichen Ordnung verändern. Das Programm der Soziologie als Sozialwissenschaft ist das einer „erklärenden, theoretisch angeleiteten, empirisch kontrol-lierten und dadurch aufklärenden und praxisrelevanten‚ Wirklich-keitswissenschaft’“ (Esser 1999, S. 11).

  11. "Gründergeneration" der Soziologie: • Emile Durkheim (1858-1917) • Georg Simmel (1858-1918 • Herbert Spencer (1820-1903) • Max Weber (1864-1920) • Ferdinand Tönnies (1855-1936) • Albion W. Small (1854-1926)

  12. MAX WEBER (1864-1920) • Verstehende Soziologie • Handlungstheorie

  13. MAX WEBER (1864-1920) "Soziologie … soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich erklären will. 'Handeln' soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn … die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. 'Soziales Handeln' aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von … den Handelnden gemeinten Sinne nach auf das Verhalten andererbezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist." („Wirtschaft und Gesellschaft")

  14. MAX WEBER (1864-1920) Es ist nicht die Konventionsregel des Grußes, die den Hut vom Kopf nimmt, sondern immer nur ein individueller Akteur, der die Norm befolgt und zwar wiederum aus unterschiedlichen Motiven, aus subjektivem Sinn heraus.

  15. MAX WEBER (1864-1920) Der Begriff „sozialHandeln“ ist nicht wertend zu sehen: Hilft ein junger Mann einer alten Dame über die Straße, handelt er „sozial“, aber auch wenn er ihr die Handtasche stiehlt. Entscheidend ist, dass das Tun bewusst auf andere Menschen bezogen ist. Soziales Handeln wäre nicht, wenn ein Radfahrer einen anderen aus Versehen anfährt und ihn zu Fall bringt. (BAHRDT)

  16. EMILE DURKHEIM 1858-1917 Begründer der wichtigsten französischen Schule der Soziologie "Die Soziologie kann … definiert werden als die Wissenschaft von den Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart". Institutionen sind - wie ihre Elementarform die soziale Norm - 'soziale Tatbestände' http://modulo3.rendered.startpda.net/32400001-32450000/32403123_500_500_SAYI.jpeg

  17. EMILE DURKHEIM 1858-1917 "Sozialer Tatbestand" meint jede durch die Gesell-schaft festgelegte Art des Handelns, des Verhaltens, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben.

  18. EMILE DURKHEIM 1858-1917 "Sozialer Tatbestand" meint„jede soziale Erschei-nung“, die gegenüber den individuellen Handlungen und Bestrebungen ein unabhängiges Eigenleben führt, auch wenn erst im sozialen Handeln der Menschen diese Institutionen (Sitten, Regeln, Recht, Moral) geschaffen wurden.

  19. EMILE DURKHEIM 1858-1917 Sie üben auf den Menschen, der sie erst geschaffen hat, eine „zwingende Macht aus“ und prägen ihr Handeln. Soziale Tatsachen sind eine von den Individuen los-gelöste Wirklichkeit „sui generis“ (eigenen Rechts, eigener Gestalt). (Esser)

  20. EMILE DURKHEIM 1858-1917 Aufgabe der Soziologie ist es nicht - wie bei M. Weber - die Motive und Sinngebungen des sozialen Handelns der Individuen zu verstehen, sondern die Prägekraft und den äußeren Zwangscharakter sozialer Tatbe-stände (= sozialer Gebilde, Institutionen) zu erfassen.

  21. EMILE DURKHEIM 1858-1917 Dramatische Illustration seiner These von der Eigenständigkeit der Gesellschaft: Studie „Der Selbstmord“  gesellschaftliche Ursachen des Selbstmordes

  22. EMILE DURKHEIM 1858-1917

  23. EMILE DURKHEIM 1858-1917 WEBER wie DURKHEIM sehen in der Soziologie beide eine Wis-senschaft, die Phänomene und Prozesse der sozialen Wirklich-keit erfassen und erklären soll, aber WEBER führt diese soziale Wirklichkeit auf den Grundprozess "sozialen Handeln" zurück, nach DURKHEIM sind die „sozialen Tatsachen“ die elementaren Tatbestände der sozialen Wirklichkeit.

  24. KORTE/SCHÄFERS 2008 Soziologie ist die "Wissenschaft von der sozialen Wirklichkeit". "Soziale Wirklichkeit meint … jenen Teil der erfahr-baren Wirklichkeit, der sich im Zusammenleben der Menschen ausdrückt oder durch dieses Zusammen-leben und Zusammenhandeln hervorgebracht wird." (= Ergebnisse und Effekte des Zusammenlebens: Familien, Betriebe, Schulen, ganze Gesellschaften)

  25. ENTSTEHUNGSHINTERGRÜNDE • Unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sind sozio-logisches Denken und die soziologische Wissenschaft ent-standen? • Auf welche gesellschaftlichen Wissensbedürfnisse reagierte die Soziologie als neue Wissenschaft?

  26. ENTSTEHUNGSHINTERGRÜNDE Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte: • Ingenieur- und Technikwissenschaft • Erziehungswissenschaft • Pflegewissenschaften

  27. GESELLSCHAFTL. HINTERGRUND DER ENTSTEHUNG DER SOZIOLOGIE? • Die französisch-englische Aufklärung • Die Französische Revolution 1789 • Die industrielle Revolution seit 1770

  28. AUFKLÄRUNG • Abkehr von theologischen, metaphysischen, spekulativen und philosophischen Weltdeutungen • Krise der religiösen Legitimation der Gesellschaft • Soziale Phänomene (Macht- und Gesellschaftsstrukturen) zu prinzipiell erklärbaren, mit wissenschaftlich erforschbaren Gegenständen • Anlehnung an Naturwissenschaften (logisches Denken, empirisch überprüfbare Beweisführung) • Naturrechtsgedanke • Hoffnung auf autonome und rationale Plan- und Steuerbarkeit des eigenen Lebens

  29. AUFKLÄRUNG Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer Das Bild symbolisiert die Ziele und Ideen der Aufklärung (freie Blick der Figur): Betonung der Vernunft Streben nach demokratischen Werten (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit)  

  30. AUFKLÄRUNG • Soziologie als kritische, emanzipatorische und realistische Wissenschaft • Werkzeug für den "Ausgang der Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (KANT) • Säkularisierung bedingte aber auch tief greifende Orientierungslosigkeit und Krisengefühle

  31. FRANZÖSISCHE REVOLUTION http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.schulbilder.org/de-malvorlagen-ausmalbilder-foto-franzoesische-revolution-d7008.jpg&imgrefurl=http://www.schulbilder.org/de-malvorlagen-ausmalbilder-foto-franzoesische-revolution-i7008.html&h=620&w=875&sz=82&hl=de&start=19&usg=__LrqFRhxUyD-T_vyrZ1m0YDeV7oc=&tbnid=4vVOPVq-4UsWPM:&tbnh=103&tbnw=146&prev=/images%3Fq%3DFranz%25C3%25B6sische%2BRevolution%26gbv%3D2%26hl%3Dde Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das Volk 1830

  32. FRANZÖSISCHE REVOLUTION • Abschaffung des feudalabsolutistischen Ständestaats • Ideen der Aufklärung (Menschenrechte, bürgerliche Freiheitsrechte) • Entwicklung des modernen Demokratieverständnis • Terror • Erfahrungen der Gefährdung traditionaler Ordnung • Besorgnis bzgl. unkontrollierbarer Entwicklungen

  33. INDUSTRIELLE REVOLUTION http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/35/Adolf_Friedrich_Erdmann_von_Menzel_021.jpg/400px-Adolf_Friedrich_Erdmann_von_Menzel_021.jpg Adolph Menzel: Eisenwalzwerk, 1872–1875

  34. INDUSTRIELLE REVOLUTION • Gesellschaftlicher Differenzierung und Arbeitsteilung • Abhängigkeiten der neuen gesellschaftlichen Teilbereiche (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Familie, Bildungssystem) • Zunahme der Komplexität und Unübersichtlichkeit der Gesellschaft • Soziale Frage, Pauperismus, Existenzunsicherheit

  35. INDUSTRIELLE REVOLUTION • Massenwanderungen • Neue Technik, neues Verkehrssystem • Zerfall überlieferter Lebensformen (Nachbarschaften, Große Haushaltsfamilie) und Entstehung neuer Lebensformen (modere bürgerliche und proletarische Familie) • Alternative Gesellschaftsmodelle (Kommunismus).

  36. AUFKLÄRUNG, FRANZ. UND INDUSTRIELLE REVOLUTION • Erfahren als bedrohliche Krisen • Moderne bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nicht mehr über theologische und philosophische Lehren erklär- und steuerbar • Bedürfnis, die Gesetze des gesellschaftlichen Wandels aufzudecken, um die Ursachen der Krisen verstehen und erklären sowie die zukünftige Entwicklung prognostizieren und beeinflussen zu können • Erkenntnis leitende Interesse der Soziologie: neues handlungs-orientiertes Wissen für den Weg aus der Krise

  37. AUFKLÄRUNG, FRANZ. UND INDUSTRIELLE REVOLUTION • Umbruch- oder Krisenwissenschaft • Verselbständigung von den "Mutter-wissenschaften" (Philosophie, Ökono-mie, Allgemeine Staatslehre, Völker-kunde)

  38. FRANZÖSISCHE UND INDUSTRIELLE REVOLUTION Ebenso entscheidend für die Entstehung der Soziologie: • Wahrnehmung der Menschen, dass soziale Ordnung nichts Festes, sondern etwas Brüchiges • nicht von Gottes Hand gelenkt, sondern im Prinzip von Menschen konstruier- und steuerbar.

  39. FRANKREICH:AUGUSTE COMTE (1798-1857) • Übertragung der Methoden der neuen Naturwissenschaften auf die soziale Wirklichkeit: • aus der Beobachtung sinnlich erfahr- und wahrnehmbarer Tatbestände der sozialen Wirklichkeit (  objektive Tatbestände = positives Wissen) allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten von sozialen Prozessen und Ordnungen ableiten. • Soziologie: Wissen für gesellschaftspolitische Planung und Steuerung im Sinne einer stabilen Neuordnung der Gesellschaft • A. COMTE: Erste, der eine nicht-philosophische oder metaphysisch-religiöse Erklärung für die Veränderung der Gesellschaft gibt.

  40. AUGUSTE COMTE:DREISTADIENGESETZ • Geschichte der Menschheit als naturgesetzlicher allgemein-historischer Fortschritt der geistigen Höher- und Weiterentwicklung (Denkens) • Entwicklung der Gesellschaft bedingt durch zu-nehmende Erkenntnis

  41. AUGUSTE COMTE:DREISTADIENGESETZ Theologisches Stadium: Menschliche Denk- und Erklärungssystem: • Geister- und Götterglaube, Mythen und Sagen (fiktive Kräfte) • religiöse Täuschungen und mythisch-magische Vorstellungen

  42. AUGUSTE COMTE:DREISTADIENGESETZ Metaphysisches oder abstraktes Stadium Menschliche Denk- und Erklärungssystem: • Säkularisierung • Metaphysik (Lehre von dem nicht Erfahrbaren hinter unseren Wahrnehmungen - verborgenen Tatsachen) • Erklärung aller Erscheinungen durch abstrakte Wesenheiten wie die Natur (als Urkraft) • statt Phantasie  logischer Beweis und Verstand (Renaissance)

  43. AUGUSTE COMTE:DREISTADIENGESETZ Wissenschaftlich-positives Stadium Menschliche Denk- und Erklärungssystem: • Industriegesellschaft  Spezialisierung Komplexität der Gesellschaft + neue individuelle Freiräume  • Notwendigkeit der Orientierung an wissenschaftsorientiertem Denksystem • Rationalität: allein auf Vernunft und rationalem Kalkül beruhende Gesellschaft • „Positivismus“ als optimaler Endzustand Quelle der Erkenntnis ist nur das erfahrungsmäßig Gegebene („Positive“), die „Tatsache“

  44. FRANKREICH: EMILE DURKHEIM (1858-1917) Hauptfrage: Wie ist es möglich, Konsens als Voraussetzung des Lebens in der Gesellschaft des 19. Jh.s herzustellen? Antwort: Für die Ordnung in der Gesellschaft muss Zusam-menhalt bzw. Solidarität gegeben sein.

  45. FRANKREICH: EMILE DURKHEIM (1858-1917) Gesellschaftliche Entwicklung als Entwicklung von der mechanischen zur organischen Solidarität Wichtigsten Kriterien: - Ähnlichkeit - Verschiedenheit

  46. FRANKREICH: EMILE DURKHEIM (1858-1917) Die mechanische Solidarität • typisch für primitive und archaische Gesellschaften • Solidarität durch Ähnlichkeit: • Menschen bilden ein Kollektiv, in dem alle gleich sind und die Welt in gleicher Weise deuten • Gesellschaftliche Integration durch gemeinsame Anschauungen • keine Wahl der sozialen Beziehungen

  47. FRANKREICH: EMILE DURKHEIM (1858-1917) Die organische Solidarität • typisch für moderne differenzierte Gesellschaften  • Verschiedenheit und Arbeitsteilung • Arbeitsteilung  Zwang zur Kooperation • Wahlfreiheit der Beziehungen, des Handelns und der Anschauungen • Gesellschaftliche Integration und Konsens nicht durch gemeinsame Anschauungen, sondern rechtliche und vertragliche Bindungen

  48. DEUTSCHLAND:KARL MARX (1818-1883) Einer der bedeutenden theoreti-schen Klassiker der Soziologie http://www.geocities.com/capitolhill/lobby/2554/karlmarx.jpg

  49. DEUTSCHLAND:KARL MARX (1818-1883) Frage: Triebkraft der Veränderung von Gesellschaften COMTE: Akkumulation von Wissen MARX: Wandel der Produktionsweise

  50. DEUTSCHLAND: MAX WEBER (1864-1920) Fragestellung: Wo liegen die Ursprünge des für die Entstehung der modernen Welt ausschlaggebenden Kapitalismus? Antwort: MARX: in Entwicklung der Produktionsweise WEBER: in Calvinismus und protestantischer Ethik (Prädestinationslehre)  nicht nur durch wirtschaftliche Prozesse, sondern auch geistig-religiöse bedingen gesellschaftliche Entwicklung